Nachschlagen

Modul 04

Blitz-/Überspannungsschutz & Kompensation

DIN EN 62305, SPD Typ 1/2/3, Blindleistung, Verdrosselung

Wirkungen des Blitzes und Aufbau des Schutzsystems

Ein Blitz führt Ströme bis über 200 kA mit Anstiegsgeschwindigkeiten um 100 kA/µs. Gefährlich ist er auf vier verschiedenen Wegen – und nur der erste betrifft den direkten Einschlag:

WirkungUrsacheFolge
ThermischStromwärme I²·R·tSchmelzen, Brand
Mechanischelektrodynamische Kräfte, DruckwelleAbsprengungen am Mauerwerk
ElektrischSpannungsfall am ErdungswiderstandSchritt- und Berührungsspannung, Rückzündung
Induktivschnell veränderliches MagnetfeldÜberspannung in Leiterschleifen – auch ohne Direkteinschlag

Entsprechend besteht das Blitzschutzsystem (LPS) aus zwei Teilen, die nur gemeinsam wirken: Der äußere Blitzschutz (Fangen – Ableiten – Erden) schützt das Gebäude vor Brand und Zerstörung. Der innere Blitzschutz (Potentialausgleich und Überspannungsschutz) schützt die Anlagen im Gebäude. Ein äußerer Blitzschutz ohne inneren ist unvollständig und kann Schäden sogar begünstigen, weil er den Blitzstrom überhaupt erst ans Gebäude heranführt.

Blitzschutzklassen und Bemessungswerte

Welche Klasse erforderlich ist, ergibt sich aus einer Risikoanalyse nach DIN EN 62305-2. Die zugehörigen Zahlenwerte sind klassische Tabellenwerte:

KlasseBlitzkugel­radiusMaschenweiteBlitzstromkiBeispiel
I20 m5 × 5 m200 kA0,08Kernkraftwerke, Chemieanlagen, Krankenhäuser
II30 m10 × 10 m150 kA0,06Tankstellen, Schulen, PV-Großanlagen
III45 m15 × 15 m100 kA0,04Wohnhäuser, Bürogebäude
IV60 m20 × 20 m100 kA0,04Lagerhallen ohne besondere Anforderung
Merkhilfe Blitzkugelradius: 20 – 30 – 45 – 60 m. Maschenweite in 5er-Schritten: 5 – 10 – 15 – 20 m. Kleine Zahl = hoher Schutz, Klasse I ist die schärfste Anforderung.

Zur Auslegung der Fangeinrichtung dienen drei Verfahren: das Blitzkugelverfahren (physikalisch am besten begründet, für jede Gebäudeform), das Maschenverfahren (vereinfacht, nur für ebene Dachflächen) und das Schutzwinkelverfahren (für einzelne Fangstangen und kleine Aufbauten).

Trennungsabstand berechnen

Zwischen blitzstromführenden Teilen und metallenen Installationen im Gebäude muss ein Mindestabstand eingehalten werden, damit kein gefährlicher Funkenüberschlag entsteht:

s = ki · (kc / km) · l

mit ki = Faktor der Blitzschutzklasse, kc = Aufteilungsfaktor auf die Ableitungen, km = Faktor des Trennmediums (Luft 1,0 · Beton/Mauerwerk 0,5) und l = Länge entlang der Ableitung bis zum nächsten Potentialausgleich.

Rechenbeispiel: Wohnhaus, Klasse III (ki = 0,04), 4 Ableitungen (kc = 0,25), Luft (km = 1), l = 9 m:

s = 0,04 · (0,25 / 1) · 9 m = 0,09 m = 9 cm

Alle metallenen Teile – Regenrinne, Fenstergitter, Antennenmast, Klimagerät – müssen mindestens 9 cm Abstand zur Ableitung halten. Ist das baulich unmöglich, muss die Installation blitzstromtragfähig in den Potentialausgleich einbezogen werden; dann entfällt der Trennungsabstand, dafür fließt ein Teil des Blitzstroms über diese Installation.

Zonenkonzept und Überspannungsschutz (SPD)

Das Blitzschutzzonen-Konzept gliedert das Gebäude von außen nach innen. An jeder Zonengrenze werden alle ein- und austretenden Leitungen in den Potentialausgleich einbezogen und mit einem SPD versehen:

ZoneBeschreibungSchutz an der Grenze
LPZ 0Aaußen, ungeschützt
LPZ 0Baußen, im Schutzbereich der Fangeinrichtung
LPZ 1Gebäudeinneres / HauptverteilungSPD Typ 1
LPZ 2UnterverteilungSPD Typ 2
LPZ 3direkt am EndgerätSPD Typ 3
TypBezeichnungPrüfstoßstromKenngröße
1Blitzstromableiter10/350 µsIimp in kA
2Überspannungsableiter8/20 µsIn, Imax
3GeräteschutzHybrid 1,2/50 & 8/20 µsUoc
Was 10/350 und 8/20 bedeuten Es sind Stoßstromformen: Die erste Zahl ist die Stirnzeit (Anstieg auf den Scheitelwert), die zweite die Rückenhalbwertzeit (Abfall auf 50 %). 10/350 µs bildet den direkten, ladungsreichen Blitzstrom nach → energiereich → Typ 1. 8/20 µs bildet induzierte und Schaltüberspannungen nach → energieärmer → Typ 2.
Zwei Ausführungsfehler, die die Wirkung zunichtemachen Zu lange Anschlussleitungen: Die Gesamtlänge der Anschlussleitungen zum SPD soll nach DIN VDE 0100-534 0,5 m nicht überschreiten. Jeder Meter erzeugt bei steilen Stoßströmen rund 1 kV zusätzliche induktive Spannung, die sich zum Schutzpegel addiert. Abhilfe: V-Verdrahtung, SPD mit Durchgangsklemmen oder Direktmontage auf der Sammelschiene.
Fehlende Energiekoordination: Typ 1 und Typ 2 brauchen eine Mindestleitungslänge (oft 10–15 m) oder eine Entkopplungsdrossel zwischen sich – sonst übernimmt der falsche Ableiter die Energie und wird zerstört.

Blindleistungskompensation

Induktive Verbraucher – Motoren, Transformatoren, Drosseln – benötigen zusätzlich zur Wirkleistung eine Blindleistung, die zwischen Netz und Verbraucher hin- und herpendelt, ohne Arbeit zu verrichten. Sie belastet trotzdem Leitungen, Transformatoren und Schaltgeräte.

S² = P² + Q²  |  cos φ = P / S  |  QC = P · (tan φ1 − tan φ2)

Rechenbeispiel: Betrieb mit P = 45 kW, cos φ1 = 0,72, Ziel cos φ2 = 0,95.

  • tan(arccos 0,72) = 0,964  ·  tan(arccos 0,95) = 0,329
  • QC = 45 kW · (0,964 − 0,329) = 28,6 kvar
  • Strom vorher: 45000 / (1,732 · 400 · 0,72) = 90,2 A
  • Strom nachher: 45000 / (1,732 · 400 · 0,95) = 68,4 A
  • Stromreduzierung 24 %, Verlustreduzierung 1 − (68,4/90,2)² = 42 %
ArtVorteilNachteil
Einzelkompensationentlastet die gesamte Zuleitung, keine Regelung nötigschlechte Ausnutzung bei selten laufenden Verbrauchern
Gruppenkompensationbessere AusnutzungStichleitungen bleiben unkompensiert
Zentralkompensationbeste Ausnutzung, geregelt nach BedarfAnlage im Gebäude bleibt unkompensiert, höhere Investition
Verdrosselung nicht vergessen Kondensatoren bilden mit der Netzinduktivität einen Schwingkreis. Liegt dessen Resonanzfrequenz nahe einer Oberschwingung (5., 7., 11. Ordnung aus Frequenzumrichtern und Netzteilen), werden die Kondensatoren durch Resonanzüberhöhung zerstört. Faustregel: Ab etwa 15–20 % Anteil oberschwingungserzeugender Verbraucher ist eine verdrosselte Anlage vorzusehen (üblich p = 7 %).